Haris Epaminonda

›Introspektion und Erinnerungsbilder im Licht der untergehenden Sonne

Renate Wiehager über die Japan Diaries von Haris Epaminonda

Still aus Japan Diaries, 2020. © Haris Epaminonda

Der Film Japan Diaries von Haris Epaminonda ist im Rahmen ihres Art Scope Stipendiums[1] 2019/20 in Tokio entstanden und stellt eine visuell subtil komponierte Hommage dar an Japan als ein Land, in welchem die Bilder und Traditionen aus Kunst und Geschichte immer noch stark in den Alltag hineinwirken. Der Film basiert auf 8-mm-Filmmaterial, übertragen auf Video, und kombiniert spontane filmische Eindrücke aus dem Alltag mit zufällig entstandenen Monitoraufnahmen von Werbe- und TV-Sendungen. 

Der Film beginnt mit einem Bild der untergehenden Sonne über dem Meereshorizont, mit unbewegter Kamera aufgenommen. Schon hierin liegt ein vorsichtiger Kommentar zu den schwierigen weltpolitischen und ökonomischen Zeiten des Sommers 2020, wenn man in Erinnerung ruft, dass Japan klassischerweise das ›Land der aufgehenden Sonne‹ ist: Die Flagge der aufgehenden Sonne mit den sechzehn roten Sonnenstrahlen, die Kyokujitsu-ki, wurde in der Meiji-Zeit zum offiziellen Symbol des japanischen Militärs. Die Bodentruppen übernahmen die Flagge in einer abgeänderten Form. Heute wird sie in Japan gelegentlich an nationalen Feiertagen oder an Sportveranstaltungen gebraucht (das Motiv der Flagge kommt später im Film vor als bewegte Form, in welche anderes Bildmaterial hineingespielt wird).

Dieses Motiv der Sonnenscheibe setzt Epaminonda im Weiteren als formales Element ein, indem sie in einem Kreisausschnitt Filmmaterial aus verschiedenen kulturellen Zusammenhängen zeigt, die jedoch alle mit Traditionen verbunden sind, die bis heute in Japan lebendig die Phänomene der Gegenwart durchdringen. Die Kreisform wird im Weiteren abgelöst durch vollflächige, langsam pulsierende Bilder und fließende Impressionen aus Natur, Filmgeschichte, Manga Kultur, Kunst (etwa Referenzen an die berühmte Serie Die hundert Ansichten des Berges Fuji von Hokusai und vieles andere).

Der dem Film hinterlegte Ambient Sound von Hiroshi Yoshimura (1940–2003), einem Pionier der japanischen Musik, ausgewählt aus den Kompositionen seines Albums Soundscape 1: Surround von 1986, gibt in wunderbarer Weise den langsamen, in sich kreisenden Rhythmus der Bilder vor.[2]

Filmhistorische Anspielungen gibt es vor allem über die Ästhetik und Schnitttechnik. Einige filmische Verfahren erinnern an den Stummfilm, so knüpft etwa die grafische Isolierung von Bilddetails an die Technik von Trickblenden an, bei denen ein runder Bildausschnitt durch eine Maske fokussiert und das Bild kreisförmig ausgeblendet wird. Im Stummfilm ist dies als Kreis- bzw. Irisblende bekannt. Monochrom eingefärbte Bilder wiederum erinnern an Techniken der Kolorierung (Virage) von schwarzweißem Filmmaterial. Für ihre mediale Historiografie nutzt Haris Epaminonda unterschiedlichste Speichertechniken wie perforierte Filmstreifen oder anachronistische Timecodes.

Die Retro-Techniken wie auch die retrospektive Ästhetik des Films rufen Erinnerungen wach, sie eröffnen ein Feld vielfältiger Interferenzen und Korrespondenzen als historische Schichtungen und passen gut zum Format des Tagebuch-Films als einem Ort der Herstellung und Darstellung von Erinnerung. Das Gedächtnis ist weder eins noch einfach kollektiv, sondern setzt sich zusammen – auch durch die Verwendung von neu gefilmtem Bildmaterial und historischen bzw. historisierenden Bildtechnologien. Als einem heterogenen Ensemble von Beziehungen verbinden sich in den filmischen Formen der Erinnerung unterschiedlichste Erzählstränge: japanische Geschichte und subjektive Vorstellungswelten finden assoziativ zusammen.[3]

Charakteristisch für das Werk von Haris Epaminonda ist das Zusammenspiel aus nüchternem, abstrakt-geometrischem Formenvokabular und aufgeladener Inhaltlichkeit. Fließend arrangierte Geschichtsbilder verbinden sich mit kulturell konnotierten Symbolen wie der stilisierten Form der Chrysantheme (als Verweis auf das Siegel des kaiserlichen Japan) und visuellen Readymades aus dem Fundus von Werbung, Fernsehen und Internet. Mit ihrer Wahl von Stücken aus dem Album Soundscape 1: Surround, die Yoshimura für eine Reihe von Fertighäusern komponiert hatte (die erste Aufnahme, entstanden für das Hara Museum, erschien unter dem Titel Music for Nine Postcards),[4] verortet Haris Epaminonda ihren Film Japan Diaries nachdrücklich in einem immer noch wenig bekannten Aspekt der japanischen Kultur der 1980er-Jahre.

In ihre raumgreifende Installation für das Hara Museum hatte Haris Epaminonda eine Yoshimura gewidmete Textarbeit des deutschen Konzeptkünstlers Daniel Gustav Cramer (*1975) integriert, er schreibt über den japanischen Komponisten:

»Hiroshi Yoshimura wurde am 22. Oktober 1940 in Yokohama, Japan, geboren. 42 Jahre später komponierte er in seinem Wohnzimmer eine Reihe abstrakter Musikstücke mit einem analogen Synthesizer und einem Fender Rhodes. Die Arrangements waren inspiriert von den verschiedenen Fensterausblicken seines Hauses. Mit sparsam eingesetzten Klängen reagierte der Komponist unmittelbar auf die Reizüberflutungen der japanischen Metropole der 1980er-Jahre. Yoshimura selbst beschrieb seine Musik auch als eine Form des Widerstands.

1982 wandte sich Yoshimura an das neu eröffnete Hara Museum für zeitgenössische Kunst in Shinagawa-ku, Tokio, mit dem Vorschlag, seine Kompositionen in den Ausstellungsräumen als Hintergrundmusik zu den ausgestellten Kunstwerken zu spielen. Die Besucher des Museums baten um Informationen zum Autor der Musik und so erschien noch im selben Jahr sein erstes Album, Music for Nine Postcards. Es war der Beginn der Wave Notation-Reihe, ein langfristig angelegtes Projekt der Environmental music für Sound Process, einem neu gegründeten Label von Satoshi Ashikawa. Tragischerweise endete die Serie einige Monate später abrupt, als Ashikawa bei einem Autounfall starb. Yoshimura veröffentlichte in den folgenden Jahren neun weitere Platten. Seine Aktivitäten wurden von einer kleinen, aber loyalen Gruppe von Zuhörern in Japan verfolgt.

Mit seinem Tod im Jahr 2003 schien das musikalische Erbe von Hiroshi Yoshimura in Vergessenheit zu geraten. Ein Jahrzehnt verging. Erst der automatisierte Algorithmus von YouTube sollte dann Musiker, die zu Ambient Music und Electronica recherchierten – Brian Eno, Aphex Twin oder Kraftwerk – wieder aufmerksam werden lassen für die japanische Subkultur der 1980er-Jahre und für die Kompositionen von Hiroshi Yoshimura, ein historisches Phänomen, das zu dieser Zeit als Ergebnis eines ständig wachsenden Audio-Archivs marginalisiert worden war. Hier, im digitalen Raum des Internets, erlangte das Werk von Yoshimura eine neue, nicht vorhersehbare Bedeutung und die stille Verehrung von Millionen Hörern weltweit. Sie sitzen zu Hause in ihren Wohnzimmern, wo sie sich ihren Studien widmen, sich entspannen und zuhören.«[5]

Text: Dr. Renate Wiehager


[1] Seit 2003 arbeitet das Hara Museum mit Mercedes-Benz Japan und der Daimler Art Collection im Rahmen des Art Scope Artist-in-Residence-Programms zusammen, das junge Künstler:innen aus Japan und Deutschland einlädt, in einem anderen kulturellen Umfeld zu leben und sich von diesem inspirieren zu lassen. Im Jahr 2018 wurde der japanische Künstler Tsuyoshi Hisakado für das Programm 2018–2020 nach Berlin und aus Deutschland die zypriotische Künstlerin Haris Epaminonda 2019 nach Tokio entsandt. Vgl. Mercedes-Benz Art Scope 2018 – 2020. Hara Museum of Contemporary Art in Kooperation mit der Daimler Art Collection, Stuttgart/Berlin. 27. Juli — 6. September 2020, Hara Museum of Contemporary Art, Tokio. Vgl. Mercedes-Benz Art Scope 2018 – 2020 – Daimler Art Collection.

[2] Vgl. https://wearethemutants.com/2019/03/20/drifting-like-smoke-hiroshi-yoshimuras-soundscape-1-surround/[Zugriff: 24. April 2021]. Das Album wurde ursprünglich von dem Label Misawa Home veröffentlicht. Heute besitzt und kontrolliert Hiroshi Yoshimuras Nachlass die Rechte an dieser Musik. Sie arbeiten mit dem Label Light in the Attic für Synchronisationszwecke, diese Zusammenarbeit wird mit dem Credit „By arrangement with…“ hervorgehoben.

[3] Für Hinweise auf filmtheoretische und filmhistorische Aspekte des Films danke ich Friederike Horstmann, Berlin.

[4] Siehe: https://lightintheattic.net/releases/3538-music-for-nine-post-cards. [Zugriff: 24. April 2021]

[5] Daniel Gustav Cramer, Hiroshi, 2020, Textblatt zur Ausstellung Mercedes-Benz Art Scope 2018 – 2020. Hara Museum of Contemporary Art, Tokio 2020, vgl. Anm. 1.

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